Foto: Sr. Judith Benz

Die Schale der Dankbarkeit

Sr. Judith Benz in der Reihe „Wort zum Sonntag“

Wenn wir uns im Alltag „Grüß Gott“ zurufen, ist uns die tiefe Bedeutung oft gar nicht mehr bewusst. Das mittelhochdeutsche Wort „grüezen“ bedeutete weit mehr als ein bloßes Hallo – es hieß „segnen“ oder „sich zuwenden“. Wer „Grüß Gott“ sagt, wünscht dem anderen: „Gott segne dich, mögest du heute Gutes erfahren.“

Diese offene Herzenshaltung erinnert an den heiligen Franz von Assisi, dessen 800. Todestag wir in diesem Jahr gedenken. Sein Fest am 4. Oktober fällt diesmal genau mit dem Erntedanksonntag zusammen. Ein wunderbares Zusammenspiel: Wir danken für die Früchte der Erde und gleichzeitig für das leuchtende Beispiel dieses Heiligen, der Gott in all seinen Wunderwerken als das „höchste Gut“, als Liebe und Geduld gepriesen hat.

In unserem Kreuzgang erinnert ein Bild von unserem 20-jährigen Hospizjubiläum an diese Haltung. Es zeigt die „Schale der Dankbarkeit“. Ein starkes Symbol, das uns gerade am Sonntag fragen lässt: Wie sähe meine persönliche Schale heute aus? Für diesen Tag, diese Woche, mein Leben? Welche Früchte der Freude, welche Hoffnungen lägen darin – und welche überstandenen Sorgen? Eine solche Schale, zu Hause aufgestellt und mit Zetteln oder Steinen gefüllt, verändert den Blick. Sie holt das Große, das wir erfahren durften, aus dem Vergessen.

Franziskus trug diese Schale im Herzen. Er besaß nichts und besaß doch alles, weil er die Welt als Geschenk Gottes sah. In jeder Gabe entdeckte er den Geber, in allem Schönen einen Abglanz des Schöpfers. Weil seine Hände leer waren, konnte Gott sie füllen. Seine Armut war sein wahrer Reichtum. Gehen wir mit diesem Blick in die neue Woche und beten wir mit ihm: „Mein Gott und mein Alles.“ Einen gesegneten Sonntag!