Wertvolle Sekunden
Tobias Obele in der Reihe „Wort zum Sonntag“
Es gibt diese Sekunden im Alltag: Die Ampel springt auf Rot, und obwohl man es eilig hat, steht alles still. Der Blick wandert aufs Handy, die Gedanken schon beim Nächsten – und innerlich wächst dieser kleine Widerstand: Weiter! Es geht nicht schnell genug. Vielleicht spiegelt genau das unsere Zeit. Wir sind ständig auf dem Sprung, versuchen, alles unter Kontrolle zu halten. Und doch gibt es immer wieder diese Momente, die sich unserem Plan entziehen. Zeiten, die uns zugemutet wirken – obwohl sie uns vielleicht gerade geschenkt sind. Pfingsten erzählt von einem anderen Umgang mit Zeit und Leben. Von Menschen, die verunsichert und ängstlich zusammen sitzen – und plötzlich weht ein neuer Geist hinein. Kein Sturm, der alles beschleunigt. Sondern eine Kraft, die sie verändert: Sie werden ruhig, klar, mutig. Sie beginnen, neu zu sehen. Dieser Geist Gottes ist kein Antreiber. Er drängt nicht zur Eile. Er schenkt Weite – mitten im Alltag. Und vielleicht beginnt das ganz unscheinbar: an der roten Ampel, im Warten, im Innehalten. Denn genau dort könnte sich etwas verschieben. Ein Gedanke wird klarer. Ein Ärger lässt sich loslassen. Ein Moment wird nicht mehr als Störung erlebt, sondern als willkommene Verschnaufpause. „Alles hat seine Zeit“, sagt die Bibel. Auch diese Zwischenzeiten. Vielleicht weht gerade hier der Geist von Pfingsten weiter: nicht im Lauten und Schnellen, sondern im Dazwischen. Und dann wird aus einem kurzen Stopp plötzlich ein kleiner Anfang. Ein Atemzug mehr. Ein bisschen Gelassenheit. Und die leise Ahnung: Ich muss nicht hetzen, um getragen zu sein.

