Von der Möglichkeit, sich selbst „heilig“ zu verhalten
Sibylle Schwenk
Allerheiligen fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag. Viele ärgern sich deshalb ein bisschen, weil ein zusätzlicher freier Arbeitstag wegfällt. Aus christlicher Sicht sind Allerheiligen und der folgende Feiertag „Allerseelen“ Tage des Gedenkens, der Auseinandersetzung mit dem Tod und des eigenen Lebens. Sie gehören eng zusammen, haben aber unterschiedliche Schwerpunkte: An Allerheiligen stehen die Heiligen und die Gemeinschaft aller Glaubenden im Mittelpunkt, an Allerseelen das Gedenken an die Verstorbenen und das Gebet für sie.
Obwohl es Tradition ist, nach dem Gottesdienst an Allerheiligen auf den Friedhof zu gehen, gehört das Feiertags-Duo mit Allerseelen eigentlich zu den hoffnungsvollen und fröhlichen Feiertagen. „Nicht das Traurige steht im Vordergrund, sondern die Hoffnung auf die Auferstehung“, sagt Simone Moninger, Theologin und Dekanatsreferentin im Dekanat Ostalb. Natürlich sei klar, dass das Gedenken an einen lieben Verstorbenen traurig mache. „Und man darf das Schwere auch zulassen“, so Simone Moninger. Dennoch laden die beiden Feste dazu ein, die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod und ein Wiedersehen mit den Verstorbenen wahrzunehmen.
Doch was bedeuten die beiden Feiertage Allerheiligen und Allerseelen eigentlich genau?
„An Allerheiligen denken wir an die ‚offiziellen‘ Heiligen, also Menschen, die für andere als Vorbild fungieren, die Gutes in einem guten Geist getan haben, die vorbildhaft gehandelt und gelebt haben.“ Losgelöst vom Lesejahr, also von der jährlich wiederkehrenden Ordnung von Lesungstexten aus der Bibel, stehen an Allerheiligen immer die Seligpreisungen der Bergpredigt auf dem Plan, zum Beispiel: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“, oder „Selig, die Trauernden; denn sie werden getröstet werden“, oder „Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden“ oder auch „Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich“. In der Bergpredigt fordert Jesus Liebe statt Hass, Barmherzigkeit und Vergebung, Frieden und Gerechtigkeit. „Alle Menschen, die in diesem Sinne handeln oder gehandelt haben, sind in gewissem Sinne heilig“, führt Simone Moninger aus. Deshalb sei der Feiertag „Allerheiligen“ auch einer, der einlädt zur eigenen Reflektion: Wo kann ich Streit schlichten? Wo mich tröstend einbringen? Und wo Zeichen der Liebe und Empathie aussenden? Die Bergpredigt sei gleichsam eine „Landkarte“, an der wir uns ausrichten könnten. Und im guten Handeln finde man Jesus.
Für Moninger selbst ist der Heilige Franziskus ein großes Vorbild. Sein Leben in Bescheidenheit und Demut, die Dankbarkeit für die Schöpfung, das sei für sie immer wieder Ansporn, in diesem Sinne zu leben.
Am zweiten Tag des Feiertag-Duos, an Allerseelen, gedenkt man der Verstorbenen. Insofern wäre eigentlich an Allerseelen der Gräberbesuch dran, doch das habe sich im Laufe der Zeit vermischt, meint die Theologin.
Die Feiertage Allerheiligen und Allerseelen bilden eine theologische und emotionale Einheit. Das Gedenken an die Heiligen und jenes an die Verstorbenen hat sich vermischt. So sind die beiden stillen Feiertage in einer Zeit, in der sich die Natur zurückzieht, in denen die Tage kurz und die Nächte lang sind, dennoch auch Tage der Freude und der Hoffnung: Menschen sind in ihrem Leben bei Gott angekommen. „Die Auferstehung Christi wird in den Herbst hineingetragen und erinnert uns daran, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern der Übergang ins ewige Leben“, deutet Simone Moninger. Und weil es eben auch so stille Tage sind, lohnt sich ein Blick auf das eigene Leben und die Möglichkeit, sich „heilig“ zu verhalten – in jeder kleinen Geste der Zuwendung, der Dankbarkeit und des gegenseitigen Verständnisses.

