Vom Geist des Respekts
Romanus Kreilinger in der Reihe „Wort zum Sonntag“
Wenn an diesem Sonntag in Sachsen-Anhalt die Wahllokale schließen, blicken viele von uns mit Sorge auf die Ergebnisse. Die politischen Lager driften auseinander und sind unversöhnlicher denn je. Wir spüren, wie geladen die politische Atmosphäre ist. Jede und jeder will etwas dazu sagen. Dafür wird der einfachste Weg gewählt: In den sozialen Medien wird gehetzt, bloßgestellt, verurteilt. Niemand denkt mehr an ein Gegenüber, der beleidigt oder sogar tief verletzt werden könnte.
Auch im „analogen“ Alltag wird oft nicht mehr miteinander gesprochen, sondern übereinander oder gar aneinander vorbei. Die Gräben zu Andersdenkenden werden immer tiefer.
Ein Blick in das Sonntagsevangelium bietet überraschende Orientierung: „Wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“
In einer digitalisierten Welt, in der wir uns oft nur noch in virtuellen Filterblasen – gerne mit Gleichgesinnten – umgeben, setzt Jesus auf das konkrete Gegenüber.
Er verknüpft seine Gegenwart nicht mit einer perfekten Inszenierung, sondern mit der realen, manchmal anstrengenden Begegnung von Mensch zu Mensch.
„In seinem Namen“ zusammenkommen bedeutet: Dem Anderen zuzuhören, anstatt ihn sofort in eine Schublade zu stecken. Es bedeutet, den Mut zum Gespräch unter vier Augen zu haben, anstatt Konflikte öffentlich und bequem über digitale Plattformen auszutragen. Unter vier Augen bleibt die Möglichkeit, Nuancen zu spüren.
Mit Jesus gehen wir noch ein Stück weiter: Wo zwei Menschen den Mut aufbringen, verhärtete Fronten aufzubrechen, bricht etwas Heiliges an.
Wo wir diese Kultur des Respekts und der Versöhnung leben, beginnen wir, die Spaltung unserer Gesellschaft wieder zusammen zu löten – und genau dort wird Gott erfahrbar.Diese Form der Konfliktlösung nimmt den Verantwortlichen den Druck, die Welt im Alleingang zu retten. Wir alle sind gefragt! Streit gehört zur Demokratie und zum Leben. Entscheidend ist, wie wir miteinander umgehen. Wenn wir im Geist des Respekts zusammenkommen, liefert Gott das Fundament für neue Wege. Versöhnung beginnt im Kleinen, bei den „Zwei oder Drei“, die trotz aller Unterschiede den ersten Schritt aufeinander zu wagen.

