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Foto (Schwenk) Maria Sinz ist Geistliche Beraterin im Diözesanverband der KAB

Sich vom Geist der Gerechtigkeit erfassen lassen

Sibylle Schwenk

Am kommenden Freitag wird in Deutschland und vielen anderen Ländern weltweit der 1. Mai als Tag der Arbeit gefeiert. Er steht für Arbeitnehmerrechte, faire Löhne, gerechte Arbeitsbedingungen und soziale Gerechtigkeit. Die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) ist ein katholischer Sozialverband und kümmert sich um die Anliegen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern – und das in 79 Ländern. Gemeinsam mit Gewerkschaften streiten die Engagierten für den Schutz des Sonntags, verkaufsfreie Zeiten und den Schutz von sozialen Zeiten. Aktuell wurden Vorschläge zur Rentenreform bei der Kommission der Bundesregierung eingereicht, die vor allem die Verbesserung der Lage von Mindestlöhnern und prekär Beschäftigten im Fokus haben. Die KAB organisiert Treffpunkte für Arbeitnehmende für Austausch und Stärkung, und hat dabei seit vielen Jahren besonders den Bereich der Pflege im Blick.

Maria Sinz ist Geistliche Beraterin (Präses) des KAB-Diözesanverbandes. Sie setzt Impulse sowohl dort, als auch in den KAB-Ortsverbänden, die momentan rund 3000 Mitglieder zusammenbringen. Bezüglich des Tages der Arbeit haben wir mit Maria Sinz über die Bedeutung des Feiertags am 1. Mai, über das „Einmischen“ der Kirche in politische Entscheidungen und ihre vorrangigen Ziele in der KAB-Arbeit gesprochen.

Liebe Frau Sinz, was machen Sie persönlich am 1. Mai?

Maria Sinz: Ich bringe frühmorgens erstmal einen Kuchen zur Kolpinghütte. Anschließend werde ich zur Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) auf dem Marktplatz in Aalen gehen. Dieses Jahr lautet ja das Motto: „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“. Das entspricht zwar nicht ganz unserer Ausdrucksweise, trifft jedoch voll in Schwarze. Die Katholische Soziallehre betont in ihrer 125-jährigen Geschichte den Vorrang der Menschen vor Kapitalinteressen.

Das heißt: Kirche müsste sich nach der Soziallehre in politische Entscheidungen einmischen?

Sinz: Kirche in ihren verschiedenen Formen ist immer Teil der Gesellschaft. Die KAB lebt das bewusst. Unsere Leitperspektive ist die Solidarität, „Kirche an der Seite der Armen“. Unsere Überzeugung ist, dass es neben direkter tätiger Hilfe auch das sozialpolitische Ehrenamt braucht. Stimmen, die sich aus dem Glauben heraus in gesellschaftspolitische Debatten einmischen. Grundlage hierfür sind die Soziallehre und die biblischen Propheten. Ich empfehle sehr, mal ein Prophetenbuch, Jesaja, Ezechiel oder kürzer Amos, ganz am Stück zu lesen. Wer sich von diesem Geist erfassen lässt, kann gar nicht anders, als sich zu engagieren. Soziale Verantwortung gehört zum Wesenskern des Christentums.

 

Dann haben Sie sich sicher über das jüngste Statement von Papst Leo XIV. gefreut…

(Anm.d.Red.: Papst Leo hat sich in seiner Osterbotschaft ganz deutlich für den Frieden und gegen das Profit schlagen aus den Kriegen, ausgesprochen)

 

Sinz: Ja, da ist mir regelrecht das Herz aufgegangen. Er macht genau seinen Job. Mitten in die jetzige Welt setzt er ein starkes Statement aus dem Evangelium heraus. Durch seine überlegte und geradlinige Ausdrucksweise hat er die Ernsthaftigkeit seiner Worte betont. Und dass Worte nicht nur Worte sein dürfen, sondern auch endlich in die Tat umgesetzt werden müssen. Das Wort muss sozusagen Wirklichkeit werden. Die Kirche muss – wie Leo es jetzt getan hat – noch stärker die Stimme erheben, vor allem, dass es keine Bereicherung am Krieg geben darf.

 

Sie sind im Diözesanverband Geistliche Beraterin, die so genannte „Präses“. Wie sieht ihr Aufgabenfeld genau aus?

 

Sinz: Ich bin sowohl auf Verbandsebene, als auch in den Gruppen vor Ort unterwegs. Wir organisieren Auszeit-Tage für Arbeitnehmende, die KAB-Wallfahrt hat mittlerweile Tradition. Ich lade immer wieder dazu ein, dass unser Handeln auf das Evangelium bezogen bleibt, gemeinsam die Bibel zu lesen und die Hoffnung, die daraus fließt, lebendig zu halten. Es gilt, den Zusammenhang sozialer Gerechtigkeit und der Bibel nie zu vergessen.

 

Welches Ziel ist Ihnen als Christin und Präses der KAB für den kommenden 1. Mai am wichtigsten?

 

Sinz: Mein wichtigstes Anliegen ist tatsächlich, dass Arbeitnehmende wieder mehr Vertrauen in ihre Gestaltungskraft haben, dass wir gemeinsam die Gesellschaft gerechter machen können und wieder klarer wird, dass wir nicht ausgeliefert oder ohnmächtig sind. Es gibt Wege zu einem besseren, gerechteren sozialen Miteinander. Und wir brauchen auch wieder Vertrauen darin, dass wir es schaffen können, Kapital in eine menschliche Verantwortung zu bringen!