Die Welt im Umbruch – Perspektiven für Europa und Deutschland
Hermann Sorg
Neuler (ng). Der in Schwäbisch Gmünd lebende ehemalige Diplomat unser Bundesrepublik und deutscher Botschafter in Warschau (2010-14) und in Moskau (2014-2019), Rüdiger Freiherr von Fritsch, war Hauptredner beim Dekanatstag der katholischen Kirche, heuer zum zweiten Mal nach 2019 im Gemeindezentrum in Neuler. Fritsch hat mit seinem 2022 erschienenen Bestseller „Zeitenwende – Putins Krieg und die Folgen“ und dessen Fortsetzung „Welt im Umbruch – Was folgt nach dem Krieg“ (2023) Antworten vorgelegt, die Perspektiven für unsere derzeitige politische Weltsituation aufzeigen.
Fritsch analysierte zunächst die Global-Player unserer Zeit. Die Politik Chinas ist eindeutig ausgelegt, Einfluss auf der ganzen Welt zu gewinnen. Dazu braucht Präsident Xi Partner und sieht den russischen Präsidenten Putin als solchen. Aber China benötigt auch Märkte, die es perspektivisch noch in den USA, aber vor allem in Indien und im europäischen Wirtschaftsraum sieht. Russland als weitere Weltmacht ist derzeit völlig an den Diktator Putin und an dessen einsame Entscheidungen gebunden. Putin leidet unter dem Trauma des Verlusts der Weltmacht Sowjetunion und ist seit 1992 bestrebt diese wieder herzustellen. Dabei ist er mit seinem menschenverachtenden Ukrainekrieg an Grenzen gestoßen.
Zum amerikanischen Präsidenten Trump meinte von Fritsch, dass Putin ihn und seine eindeutig auf wirtschaftliche Interessen ausgelegte Politik längst durchschaut habe. Die USA haben mit ihrer Hochverschuldung, mit steigenden Arbeitslosenzahlen und schwachen Wirtschaftsdaten große Probleme und Trump muss sich gewaltige Sorgen um die im Herbst 2026 stattfindenden Zwischenwahlen „Midterms“ machen.
„Was bedeutet das für uns in Deutschland und in Europa?“ fuhr von Fritsch fort. „Wir müssen zunächst bereit sein, der angegriffenen Ukraine entschlossen zur Seite zu stehen, so schwierig das für Christen im Einzelnen ist“, betonte von Fritsch. „Es gibt keinen gerechten Krieg, aber es gibt einen gerechten Frieden. Diesen zu gewinnen muss unser aller Anliegen sein“ zitierte von Fritsch Dietrich Bonhoeffer und weiter: „Gott ist nicht mit uns im Krieg, aber er ist mit uns als Mensch. Und wenn wir Menschenwerk tun, wenn wir dem Opfer zur Seite stehen, auch mit Waffen, dann müssen wir uns klar sein, dass wir Schuld auf uns laden.“
„Aber Schuld laden auch jene auf sich, die nicht helfen“, zitierte von Fritsch Bonhoeffer weiter. „Dabei ist für mich die Abwägung, durch welches Handeln oder Nichthandeln ich größere Schuld auf mich lade, nicht schwer vorzunehmen – so sehr ich andere Sichtweisen respektiere“, sagte der frühere Diplomat. Wer Schuld auf sich lade, bedürfe der Vergebung. Auf diese dürfen alle Christen vertrauen – „sie ist uns aus Gottes unendlicher Liebe zugesagt“. Damit kehrte von Fritsch zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen zurück und meinte: „Das Wissen darum, wer der Größte ist und wer das letzte Wort haben wird, ist eine Quelle großer Stärke – und sie macht uns Mut und gibt Hoffnung und Zuversicht.“
Zur Unterstützung der Ukraine müsse aber auch die Weiterentwicklung Europas kommen. Deutschland und Frankreich als führende Mächte hätten die Pflicht, einen Wirtschaftsraum mit 450 Millionen Einwohner auf die Spur zu bringen; „Mercosur“ sei ein Anfang, weitere Freihandelsabkommen mit Ländern des globalen Südens gehören dazu. Die Länder Europas hätten hervorragende Wirtschaftsmodelle, lebten in fairen Rechtsstaaten und in Demokratien, immer noch die beste Regierungsform. Europa müsse eine eigene Sicherheitspolitik entwerfen und dabei die neue Konstellation mit den USA in die Überlegungen mitaufnehmen.
Abschließend erinnerte Rüdiger Freiherr von Fritsch an die Krisensituation von 1974 mit der Ölkrise („Fahrverbotssonntage“), an die Auseinandersetzungen mit der RAF, an den Sturz der Diktaturen in Griechenland und Portugal, an die Wiederaufrüstung der Weltmächte, die 1979 im Nato-Doppelbeschluss eine Begrenzung erfuhr und die schlussendlich auch eine gutes Ende nahm. Für diese mutmachende Rede erhielt von Fritsch viel Beifall.
Der diesjährige Dekanatstag hatte mit einem Gottesdienst in der Pfarrkirche Sankt Benedikt in Neuler begonnen; Zelebrant war der stellvertretende Dekan des Ostalb-Dekanatsbezirks Ellwangen-Neresheim, Pfarrer Jens Kimmerle. Dekanatsreferent Romanus Kreilinger hatte den Referenten vorgestellt und ihm mit einem Ostalb-Esskörble gedankt.

