„Du wirst in das große Licht gehen“
Sibylle Schwenk
Einen besonderen Gast hat die katholische Seelsorgeeinheit Kapfenburg am 04.03.26 um 18.00 Uhr in den Gemeindesaal St. Martin in Westhausen eingeladen: Albert Biesinger, Theologe und Religionspädagoge wird an diesem Abend über seine Nah-Tod-Erfahrungen berichten und diese einbetten in eine theologisch-wissenschaftliche Sichtweise. Der Abend findet im Rahmen des Fokusthemas „Sterben und Tod“ in der Seelsorgeeinheit statt.
Wir haben im Vorfeld mit Albert Biesinger gesprochen.
Lieber Herr Biesinger, wie kam es zu diesem Moment der Nah-Tod-Erfahrung?
Im März 2010 musste ich mich einer Routine-Operation an der Blase unterziehen. Es war nichts Großes und auch nur ein endoskopischer Eingriff. Ich verabschiedete mich an der Uni mit ‚Tschüss, bis nächste Woche‘. Doch während der OP kam es zu Komplikationen. Eine Darmlähmung, Magensaft in der Lunge und eine drohende Sepsis machten eine erneute OP notwendig. Die Lage wurde dramatisch. Meine Frau hörte die Ärzte sagen: „Das überlebt er nicht“.
Ich war neun Tage lang auf der Intensivstation und dort erlebte ich diesen nahen Todeszustand. Ich saß auf einem Stuhl, eine eingehängte Radwalze – der Tod – trieb auf mich zu. Ich habe mit offenen Händen dagegen gedreht. Doch irgendwann war ich erschöpft, und ich konnte mich nicht mehr wehren, nicht mehr an der Radwalze drehen. Ich hörte eine männliche – aber nicht meine – Stimme: ‚Jetzt ist es soweit, jetzt bist du gleich im Himmel…‘. Ich wollte unbedingt weitergehen und sah ein großes, schönes Licht, spürte ein explosives Glück. Nur noch ein Millimeter, dann sehe ich Gott… Ich wollte über die Grenze in dieses große Licht weitergehen.
Doch dann hörte ich wieder dieselbe Stimme: ‚Schade um deine Frau‘. Ich musste zurück. Meine Zeit war noch nicht gekommen. Da bin ich in große Traurigkeit gestürzt.
Wie erklären Sie sich diesen Bewusstseinszustand?
Ich beschäftige mich schon lange damit, was wissenschaftlich gesehen in diesem Moment passiert. Es ist eine Bewusstseinserweiterung, die das Gehirn auslöst, wenn der Körper ins Sterben komme. Das Gehirn schüttet Botenstoffe aus. Die Gehirnaktivitäten sind ungefähr zehnmal so häufig als normal. Man konnte inzwischen diese Botenstoffe isolieren. Das Gehirn erlebt sozusagen, dass das ‚System‘ zusammenbricht und will alles retten. Es sieht nach vorne etwas, eine Art Entgrenzung, was es noch nie erlebt hat.
Können Sie beschreiben, wie sich diese Nah-Tod-Erfahrung unmittelbar angefühlt hat?
Ich habe während der Zeit der Nah-Tod-Erfahrung immer wieder das große Glück gesehen, am Ende aber auch die große Trauer und meine Frau. Da dachte ich: ‚Es ist gut, dass ich zurückgekommen bin, ich werde hier noch gebraucht.‘ Meine Frau war Symbol für meine irdische Wirklichkeit. Aber ich hätte so gerne Gott gesehen und wollte dieses Glück nochmal erleben.
Sie haben Gott also nicht gesehen….
Nein, definitv nicht. Die Nah-Tod-Erfahrung liefert keinen Gottesbeweis.
Hat diese Erfahrung ihr weiteres Leben beeinflusst?
Ja auf jeden Fall. Meine Angst vor dem Tod ist geplatzt wie ein Luftballon nach dem Einstich. Ich freue mich auf das Glück nach dem Tod! Aber mein Respekt vor dem Sterben ist geblieben, der Respekt vor dem Sterbeprozess. Und die Frage bleibt auch: Werde ich so ‚geschickt‘ sterben können, wie damals vor 16 Jahren?
Welche Rolle spielt bei der Einordnung der Nah-Tod-Erfahrung ihr Glaube und in weiterer Folge die wissenschaftliche Beurteilung?
Ich habe große Ehrfurcht vor Gott. Gott ist Gott und die Forschung ist etwas anderes. Die Gehirnforschungsergebnisse sind mir sehr wichtig. Ich bin in diesem Thema auf dem neuesten Stand und werde auch im Vortrag in Westhausen einige Zeit den Forschungsergebnissen widmen. Das Gehirn kann auf einmal alles sehen. Es entgrenzt sich sozusagen, denkt nicht mehr in Kategorien.
Mir ist wichtig zu betonen: Die Nah-Tod-Erfahrung ist noch nicht die endgültige Begegnung mit Gott im Tod! Ich war ja noch nicht tot. Sie gibt uns aber einen Hinweis, wie es einem geht, wenn der Sterbeprozess schon weit fortgeschritten ist. Und diese Erfahrung haben immerhin ca. fünf Prozent der Bevölkerung schon gemacht.
Manche Menschen fangen nach einer Nah-Tod-Erfahrung an mehr zu beten, zu meditieren, sie treten aus der Kirche ein oder aus. Ich selbst ordne die Dinge seither anders ein. Ich habe eine tiefe Gelassenheit, bin „tiefenentspannt“ sozusagen ein „Tiefwurzler“ geworden.
Warum ist es Ihnen wichtig, diese Erfahrung mit anderen Menschen zu teilen?
Ich begleite Sterbende. Durch das große Glück, das ich während der Nah-Tod-Erfahrung erlebt habe, kann ich sie trösten und sagen: ‚Du wirst in das große Licht gehen, du brauchst keine Angst haben!‘
Info: Albert Biesinger, Jahrgang 1948 ist emeritierter Professor für Theologie und Religionspädagogik.
Beim Vortrag in Westhausen am 04.03.2026 um 18.00 Uhr im Gemeindesaal St. Martin, steht sein Buch im Mittelpunkt: „Warum kommen wir auf die Welt, wenn wir doch wieder sterben müssen“.

